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Das Vergessen vergessen

Bielefelder Rotkreuzstiftung fördert: Digitaler Therapieball hilft Demenzkranken

Demenzkranken Menschen wie Stephanie Mast zaubert der Ichó-Ball immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Er dient der Förderung motorischer und kognitiver Fähigkeiten.

Stephanie Mast hält eine weiße Kugel in ihren zitternden Händen - zunächst ängstlich, sie könnte den rauen Ball, der kaum größer als eine Grapefruit ist, fallen lassen. Als die Kugel in ihren Händen in wechselnden Farben zu leuchten beginnt, geht ein breites Lächeln über das Gesicht der Frau, die eben noch in sich versunken dagesessen hatte. Ihre Augen suchen die anderen Menschen im Raum.

„ichó“ heißt der digitale, interaktive Therapieball, der erkennt, was mit ihm gemacht wird. ichó ist griechisch und bedeutet Echo. Auf einen Impuls gibt es eine Reaktion. Egal ob Schütteln, Fangen, Werfen, Drücken oder Streicheln – ichó erkennt alle Bewegungen und reagiert mit farbigem Leuchten, Vibration, Klang und Musik. Getestet wird er seit November in der Wohngruppe für Menschen mit Demenz des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Frachtstraße. Die Anschaffung wurde ermöglicht dank einer Förderung von rund 1.400 Euro durch die Bielefelder Rotkreuzstiftung.

Mindestens dreimal täglich ist der Ball in der Wohngruppe im Einsatz – sowohl als Gruppen- wie auch als Einzelangebot, berichtet Teamleiterin Stefanie Flügge: „Der Ball aktiviert durch verschiedene Reize sowohl die kognitiven als auch die motorischen Fähigkeiten von Demenzkranken“. Egal, ob ichó gerade leuchtet, Lieder abspielt oder Rätselfragen stellt: Sobald der Ball nicht mehr bewegt wird, erlischt er. „Die Bewohner*innen hatten schnell raus, wie man damit umgeht. Gebannt warten sie darauf, was als nächstes passiert“, erzählt Flügge. 

Besonders beliebt ist, wenn Bewohner*innen sich ichó gegenseitig über den Tisch der großen Wohnküche zurollen. Der Ball spielt dabei Klassiker wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“. Bewohner*innen wie die 86-jährige Stephanie Mast singen mit und bewegen sich im Takt der Musik. „Gerade bei Demenzkranken, die sonst eher in sich gekehrt sind, erleben wir Momente kurzen Glücks, die uns alle sehr berühren“, sagt Flügge. Auch das Erzählen von Märchen ist möglich. Dann ist ichó zum Beispiel die goldene Kugel des Froschkönigs und muss von unten aus dem Brunnen hochgeholt werden. Wird diese Handlung ausgeführt, erkennt dies ichó, beginnt golden zu leuchten und das Märchen wird weitererzählt.

Eingesetzt wird der Therapieball immer im persönlichen Kontakt zwischen Bewohner*innen und Betreuer*innen. Die Motivation, den Ball zu bewegen, sei hoch. Mitarbeitende können auch von außen mit der Fernbedienung unterstützen, begleiten und steuern, falls diese Hilfe gebraucht wird. Übungen wie Kreuzworträtselfragen beantworten oder den Anfang eines Sprichwortes beenden wurden in der Wohngruppe bereits ausprobiert. „Die Möglichkeiten sind vielfältig und haben unser Team überzeugt“. Reihum soll ichó jetzt auch in den anderen der insgesamt 15 Demenz-Wohngruppen des DRK getestet werden.

15. Februar 2021 07:29 Uhr. Alter: 14 Tage